Super Circular Estate: Europas erste zirkuläre Wohngegend hält nicht nur bauliche sondern auch soziale Strukturen lebendig

Language:
German

Mit ihrem zirkulären Bauprojekt Super Circular Estate gewann die niederländische Stadt Kerkrade 2020 den Innovation in Politics Award in der Kategorie Ökologie.

Wir sprachen mit Victor Moura, dem Projektleiter Natur und Landschaft der Stadt Kerkrade und Projektmanager Marco Theunissen darüber, wie man aus alten Hochhäusern neue Wohnungen baut und dabei den Gemeinschaftssinn stärkt, und wie man Innovationen vorantreibt, für die es anfangs noch keine rechtliche Grundlage gab.

Kerkrade im Südosten der Niederlande ist mit einem rasanten Bevölkerungsrückgang konfrontiert. Hochhäuser aus den 1960er Jahren stehen leer. Das Projekt Super Circular Estate reißt diese alten Gebäude ab und verwendet die wiedergewonnenen Materialien für den Bau nachhaltiger, moderner Sozialwohnungen. 

Bislang wurden 130 neue Sozialwohnungen gebaut, die vollständig aus recycelten Materialien bestehen. Damit leistet das Projekt Pionierarbeit für einen zirkulären Ansatz in einem Sektor, der normalerweise mit hoher Umweltverschmutzung verbunden ist.

Was ist der aktuelle Stand des Projekts?

Marco Theunissen: Das Projekt besteht aktuell aus mehreren Gebäuden in unterschiedlichen Teilbereichen des Projektgebiets. Ein komplettes Hochhaus wurde schon fast gänzlich abgebaut und wieder aufgebaut. Wenn alles nach Plan läuft, müsste das Hochhaus Ende des Jahres komplett recycled sein. Die drei Modellhäuser, die wir mit EU-Geldern, also mit den Mitteln von Urban Innovative Actions gebaut haben, sind seit einigen Monaten fertig gestellt und in weitere 15 Wohneinheiten sind bereits die ersten Bewohner/innen eingezogen.

Im Juni bauen wir eine Parkgarage. Ganz im Sinne der Kreislaufwirtschaft wurde die Garage vor einigen Jahren in Amsterdam demontiert, dann gelagert und wir hoffen, sie hier in Kerkrade, 220 km entfernt, wieder aufzubauen.

Welche innovativen Methoden setzt ihr im Zuge des Projekts um?

Victor Moura: Das Wassersystem, der geschlossene Wasserkreislauf, ist für uns etwas Besonderes. Das Regenwasser, das sich auf den Dächern oder anderen Oberflächen sammelt, wird in einen unterirdischen Bunker transportiert und in Trinkwasser umgewandelt. Anschließend wird es in die Häuser zurückgepumpt. So wird Regenwasser zu Trinkwasser.

Marco Theunissen: Es wird natürlich noch gesäubert …

Victor Moura: Ja, durch den Wasserbetrieb Limburg. Außerdem wird das Grauwasser, also das Abwasser aus der Dusche oder dem Badezimmer, wegtransportiert und durch einen Helophytenfilter geleitet, das ist ein Pflanzenbecken, und wird dort gesäubert. Und aus dem Toilettenwasser, dem sogenannten Schwarzwasser, werden weitere Rohstoffe gewonnen, aus denen unter anderem Dünger hergestellt wird.

Auch die Betondecken der abgebauten Hochhäuser werden wiederverwendet. Wenn sie Wassertransportsysteme enthalten, benutzen wir diese auch noch einmal. In Deutschland, der Schweiz oder Österreich wird das schon gemacht, aber in den Niederlanden wird dieses System noch nicht häufig eingesetzt. Vor zwei Wochen hatten wir starken Regenfall und konnten den Effekt sehen: das Wasser wird gut weitergeleitet und kann genutzt werden.

Gab es zu Beginn Vorbehalte bei Bewohner/innen oder Verantwortungsträger/innen?

Victor Moura: Eigentlich nicht. Die Anwohner/innen waren sehr erfreut, dass die alten Hochhäuser wegkommen. Und wir haben ihnen die Wahl gelassen, welche Hochhäuser als erstes demontiert werden sollen. Da sie von Beginn an beteiligt waren, sind sie sehr enthusiastisch und vertreten das Projekt heute auch mit. Ich denke aber, dass das Projekt für Außenstehende eher schwer nachzuvollziehen ist, da vieles daran neu ist.

Marco Theunissen: Wir arbeiten auch eng mit unserer Kommunikationsabteilung zusammen. Wir haben eine Facebook-Seite, auf der wir Informationen für Interessierte teilen, es werden Flyer verteilt, in den Lokalnachrichten wird ebenfalls berichtet, zum Beispiel in Lokalzeitschriften und den Hausblättern.

Bindet ihr die Bewohner/innen auch weiterhin in die Entwicklung mit ein?

Marco Theunissen: Wir haben eine Neighbourhood Steering Platform gegründet. Daran nehmen die aktuellen und zukünftigen Bewohner/innen teil, sowie Menschen, die in der Nähe wohnen. Eine besondere Rolle haben ehemalige Bewohner/innen der abgebauten Hochhäuser, die immer gern hier gelebt haben und wieder herziehen möchten.

Die Meetings finden alle sechs Wochen statt, wegen Covid über Video Calls. Dort wird der aktuelle Projektstand besprochen. Das ist wichtig, weil jene Menschen, die um das Projektgebiet wohnen, nicht immer erfreut sind, wenn da morgens um 7 oder 8 Uhr die Bagger durch die Straße fahren. Ein Teil unserer Arbeit ist es also, Anrainer/innen zu informieren und aktuelle Problematiken mit ihnen zu besprechen.

Für dringende Themen haben wir eine WhatsApp-Gruppe eingerichtet für das Projektteam und zwei Mitarbeiter/innen der Stadt Kerkrade und von HEEMwonen, die die Häuser bauen und im Nachhinein vermieten. So können wir auch am Wochenende schnell reagieren und die Probleme, die unter anderem durch Corona entstanden sind, so gut wie möglich aufgreifen.

Weiters gibt es die Co-Design Workshops. Dafür bezieht die Stadt Kerkrade die Mitglieder der Neighbourhood Steering Platform in die Gestaltung des öffentlichen Raums im Projektgebiet ein. Auch an der Gestaltung des Sozialraums (Social Plinth) in der Erdgeschosszone sind die Bewohner/innen beteiligt. Die Bewohner/innen können dort zusammensitzen; auch ein gemeinsamer Wäscheraum soll dort entstehen.

Inwiefern profitiert die Stadt Kerkrade oder andere Projekte vom Super Circular Estate Ansatz?

Marco Theunissen: Die Social Circularity, also das Nicht-Greifbare, wird vielfach weitergeführt. Ein Kollege, der mit einem anderen großen Projekt, „Gebiedsontwikkeling Rolduckerveld“ beschäftigt ist, setzt etwas ähnliches wie unsere Neighbourhood Steering Platform zur Beteiligung von Leuten aus der Umgebung um. Diese Partizipationsform wird also auch für andere Projekte übernommen.

Victor Moura: In den kommenden Jahren wird in Holland erstmals ein Partizipationsgesetz in Kraft treten. Partizipation wird immer wichtiger. Wir müssen die Menschen mitwirken lassen.  

Marco Theunissen: Allerdings, zurück zu unserem Projekt, kostet es sehr viel Geld, auf diese Art und Weise zu bauen und abzureißen. Es wird in den nächsten Jahren also nicht alles, was wir bei Super Circular Estate realisiert haben, in andere Projekte übernommen werden. Oft fehlt einfach das Budget.

Victor Moura: Ja, die Mittel sind oft nicht ausreichend. Aber zum Beispiel die Technik der Weiterverwertung von Betondecken werden wir auch bei einem weiteren Projekt integrieren und versuchen, dort ebenfalls so viel Wasser wie möglich zu sammeln.

Das Projekt hat viel internationale Aufmerksamkeit bekommen. Was für eine Rolle spielt das für das Projekt und gerade für eine kleine Stadt wie Kerkrade?

Victor Moura: Aktuell haben wir so viele Anfragen, dass wir jeden Tag eine Besuchergruppe durch das Projekt führen könnten.

Marco Theunissen: Genau. Die Interessent/innen sind Leute von Bauunternehmen, Hochschulen wie die RWTH Aachen – Aachen ist ja unsere Nachbargemeinde – aber auch politische Vertreter/innen, die das Projekt wichtig finden.

Victor Moura: Es herrscht auch großes Interesse daran, wie wir unsere Pläne unter den aktuellen gesetzlichen Bedingungen umsetzen. Denn für viele Bereiche gibt es noch keine Regelungen, an denen wir uns orientieren könnten. Die holländische Regierung hat das Bestreben, mit neuen Baumethoden bis 2050 völlig zirkulär zu bauen. Deswegen ist die holländische Regierung an uns herangetreten und hat gefragt: „Welche gesetzlichen Erleichterungen braucht es, um solche Projekte wie eures zu ermöglichen?“, um diese Prozesse in Zukunft zu erleichtern.

Marco Theunissen: Normalerweise, wenn man in Holland ein Haus bauen möchte, reicht man bei der Stadt um eine Baugenehmigung ein. Das Antragsformular wird zusammen mit den technischen Unterlagen geprüft und man bekommt ein „Ja“ oder „Nein“. Bei unserem Projekt ist das anders: Wir brauchen eine Genehmigung dafür, ein Hochhaus abzureißen und die Materialien, die dabei frei werden, wiederzuverwenden. Das sind Prozesse, die es bis dato noch nicht gab und das war auch das Experimentelle und Innovative. Das ist und war eine Herausforderung.  

Wenn ich als Verantwortliche einer Gemeinde auch so ein Projekt machen möchte, was würdet ihr mir raten?

Victor Moura: Also man sollte Mut haben. Man muss risikobereit sein. Und man muss natürlich andere Leute haben, die auch innovativ denken.

Marco Theunissen: Vor einigen Jahren haben die Stadt Kerkrade und HEEMwonen veranlasst, aus einem alten Hochhaus eine komplette Wohnung rauszusägen. Das ist entstanden, weil das Bauunternehmen, das in das Projekt einbezogen war, auch out of the box gedacht und gesagt hat: „Wir wollen CO2-Emissionen reduzieren und umweltfreundlich bauen.“ Statt ein Hochhaus entweder zu sprengen oder mit dem Abbruchhammer zu zerstören, haben sie gesagt: „Wir versuchen jetzt einfach mal eine Wohnung loszusägen und mit einem großen Kran rauszuheben.“ Das hat geklappt, davon gibt es auch ein Video und das ist ganz interessant zu sehen

Diese Säge muss ich mir anschauen.

Marco Theunissen: Es ist eine Riesensäge.

Project video:  Super Circular Estate, winner ecology of the #PoliticsAwards2020